Neue soziologische Theorie: Dr. Fatih Kaya entwickelt mit „Mediodoxy“ eine dritte Logik sozialen Handelns

Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie symbolische Gewalt und gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht nur durch offene Zustimmung oder Widerstand reproduziert werden, sondern auch durch ambivalente, alltägliche Praktiken. Dafür analysierte Dr. Kaya 23 qualitative Interviews mit jüdischen und muslimischen Personen, die antisemitische oder antimuslimisch-rassistische Erfahrungen gemacht haben.
Der Aufsatz zeigt, dass soziale Ungleichheiten häufig in einem Zwischenbereich stabilisiert werden: nicht durch explizite Verteidigung diskriminierender Praktiken, aber auch nicht durch deren radikale Zurückweisung. Dr. Kaya bezeichnet diese intermediäre Praxisform als „Mediodoxy“. Gemeint sind habitualisierte Formen des Schweigens, der stillen Zustimmung, der Normalisierung oder der unbeabsichtigten Reproduktion sozialer Ungleichheit. Anhand empirischer Interviewsequenzen rekonstruiert die Studie, wie Ungleichheit generierende Deutungsmuster, Semantik und Handlungen auch von Betroffenen selbst unbeabsichtigt reproduziert werden können, etwa durch alltägliche Sprachpraktiken, die Relativierung diskriminierender Witze oder situative Formen der Anpassung.

Die Analyse identifiziert diese Dynamiken nicht individualpsychologisch, sondern als Ausdruck symbolischer Machtverhältnisse und habitualisierter sozialer Ordnungen. Mit dem Konzept der Mediodoxy erweitert Dr. Kaya die bourdieusianische Feld- und Habitustheorie um eine bislang nicht theoretisierte Zwischenlogik. Der Aufsatz argumentiert, dass gesellschaftliche Herrschaft nicht nur an den Polen von Orthodoxie und Häresie reproduziert wird, sondern insbesondere im ambivalenten Alltag sozialer Praxis.
Der Beitrag steht in der Tradition praxeologischer Gesellschaftstheorie und rekonstruktiver Sozialforschung, und leistet zugleich einen grundlagentheoretischen Beitrag zur Antisemitismus-, Rassismus- und Ungleichheitsforschung.“
Über die ASA
Sociological Theory ist die theoretische Flaggschiff-Zeitschrift der American Sociological Association (ASA) und zählt international zu der renommiertesten Fachzeitschriften des Fachs. Im aktuellen Journal Citation Reports-Ranking belegt die Zeitschrift Platz 5 von 220 Zeitschriften in der Kategorie Sociology.
Die Zeitschrift weist zudem ein äußerst selektives Begutachtungsverfahren auf: Die Ablehnungsquote liegt regelmäßig bei über 90 Prozent, die Annahmequote bei rund 9 Prozent. Pro Jahr werden typischerweise lediglich etwa 16 bis 20 Manuskripte zur Publikation angenommen, bei deutlich über 150 Einreichungen.




