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Fakultät Sozialwissenschaften

Neue soziologische Theorie: Dr. Fatih Kaya entwickelt mit „Mediodoxy“ eine dritte Logik sozialen Handelns

Titelseite eines wissenschaftlichen Artikels aus der Fachzeitschrift Sociological Theory der American Sociological Association (ASA). Der Titel lautet „The Mediodoxy: A Bourdieusian Third Logic of Practice between Orthodoxy and Heresy in the Lived Experience of Anti‑Muslim Racism and Antisemitism“. Autor ist Dr. Fatih Bahadir Kaya. Auf der Seite sind außerdem Abstract, DOI‑Angabe und Schlagwörter zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Bourdieus Theorieansatz zu sehen. © ASA
Wie stabilisieren sich gesellschaftliche Ungleichheiten im Alltag, selbst bei Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Soziologe in seinem neuen Aufsatz „The Mediodoxy: A Bourdieusian Third Logic of Practice“, der in der renommierten Fachzeitschrift Sociological Theory erschienen ist. Der Beitrag entwickelt auf Grundlage der Theorie von Pierre Bourdieu das Konzept der „The Mediodoxy“ als dritte Logik sozialen Handelns zwischen Orthodoxie und Häresie (Heterodoxie).

Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie symbolische Gewalt und gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht nur durch offene Zustimmung oder Widerstand reproduziert werden, sondern auch durch ambivalente, alltägliche Praktiken. Dafür analysierte Dr. Kaya 23 qualitative Interviews mit jüdischen und muslimischen Personen, die antisemitische oder antimuslimisch-rassistische Erfahrungen gemacht haben. 

Der Aufsatz zeigt, dass soziale Ungleichheiten häufig in einem Zwischenbereich stabilisiert werden: nicht durch explizite Verteidigung diskriminierender Praktiken, aber auch nicht durch deren radikale Zurückweisung. Dr. Kaya bezeichnet diese intermediäre Praxisform als „Mediodoxy“. Gemeint sind habitualisierte Formen des Schweigens, der stillen Zustimmung, der Normalisierung oder der unbeabsichtigten Reproduktion sozialer Ungleichheit. Anhand empirischer Interviewsequenzen rekonstruiert die Studie, wie Ungleichheit generierende Deutungsmuster, Semantik und Handlungen auch von Betroffenen selbst unbeabsichtigt reproduziert werden können, etwa durch alltägliche Sprachpraktiken, die Relativierung diskriminierender Witze oder situative Formen der Anpassung.

Porträtfoto von Dr. Fatih Kaya mit verschränkten Armen in einem Innenraum mit großen Fensterflächen im Hintergrund. Er trägt ein kariertes Hemd. Hinter ihm sind eine Glasfront und ein heller Flurbereich zu sehen. © Hesham Elsherif​/​TU Dortmund
Dr. Fatih Kaya forscht seit 2025 am Fachgebiet Migrations- und Bildungssoziologie an der Fakultät Sozialwissenschaften.

Die Analyse identifiziert diese Dynamiken nicht individualpsychologisch, sondern als Ausdruck symbolischer Machtverhältnisse und habitualisierter sozialer Ordnungen. Mit dem Konzept der Mediodoxy erweitert Dr. Kaya die bourdieusianische Feld- und Habitustheorie um eine bislang nicht theoretisierte Zwischenlogik. Der Aufsatz argumentiert, dass gesellschaftliche Herrschaft nicht nur an den Polen von Orthodoxie und Häresie reproduziert wird, sondern insbesondere im ambivalenten Alltag sozialer Praxis.  
Der Beitrag steht in der Tradition praxeologischer Gesellschaftstheorie und rekonstruktiver Sozialforschung, und leistet zugleich einen grundlagentheoretischen Beitrag zur Antisemitismus-, Rassismus- und Ungleichheitsforschung.“

Über die ASA

Sociological Theory ist die theoretische Flaggschiff-Zeitschrift der American Sociological Association (ASA) und zählt international zu der renommiertesten Fachzeitschriften des Fachs. Im aktuellen Journal Citation Reports-Ranking belegt die Zeitschrift Platz 5 von 220 Zeitschriften in der Kategorie Sociology.

Die Zeitschrift weist zudem ein äußerst selektives Begutachtungsverfahren auf: Die Ablehnungsquote liegt regelmäßig bei über 90 Prozent, die Annahmequote bei rund 9 Prozent. Pro Jahr werden typischerweise lediglich etwa 16 bis 20 Manuskripte zur Publikation angenommen, bei deutlich über 150 Einreichungen.